Die Enkel fechten's besser aus !

Auf dieser web-site finden Sie, was Sie -mehr oder weniger- schon lange über den

Grossen Textilarbeiterstreik 1903/1904

in

Crimmitschau/Pleiße

und damit, weitgefaßt, zusammenhängende Themen wissen wollten.

Dies war das Anfangsthema dieser web-site von Rolf Pinther. Von diesem Thema ausgehend, gab es verschiedene Erweiterungen, so zur Darstellung von Aspekten der Entwicklung der einst landesweit bekannten Arbeiterbewegung Crimmitschaus, zu bekannten Arbeiterführern, zur Stadtentwicklung. Und schließlich, etwas allgemeiner, zum Punkt "Der verwunderte Zeitungsleser", unter dem, leicht scherzhaft gefaßt, verwunderliche Erscheinungen behandelt werden.


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EILMELDUNG:

LÄUFT STADTRAT ZU CRIMMITSCHAU JETZT ENDGÜLTIG AMOK ??? SCHÜTZENHAUS SOLL ABGERISSEN WERDEN !!!

Nach einer Reihe "grandioser" Beschlüsse in der gegenwärtigen Legislaturperiode des Stadtrates zu Crimmitschau "gelang" es in der Sitzung vom 30.1.2003, einen weiteren Frevel an der eigenen Stadt auf den verhängnisvollen Weg zu bringen.

Nach dem Bericht einer örtlichen Zeitung vom 1./2.2.2003 wurden ohne Vorberatung in den Ausschüssen zwei "Maßnahmen der Beschäftigung schaffenden Infrastrukturförderung zum Hochwasserschutz" genehmigt. Die Maßnahmen seien bei 23 anwesenden Stadträten mit 15 : 6 Stimmen und zwei Enthaltungen beschlossen worden.

Schon vorab (!!!) habe eine Bietergemeinschaft am 20.1.2003 den Auftrag vom Vergabebeirat (???) erhalten. Der Frevel liegt im Abbruch des Schützenhauses ("Pleissental").

Von einer vorausgegangenen (notwendigen) Genehmigung des Abbruches hat der Zeitungsleser keine Kunde erhalten, dem Berichteschreiber der Zeitung war der Abbruch wohl auch völlig neu. Allerdings hatte die Stadtverwaltung auch ohne jeden Beschluß bereits jahrelang am Niedergang des Schützenhauses gearbeitet. Alle Dachfenster wurden geöffnet !

Das Schützenhaus ist eines der ältesten noch erhaltenen Crimmitschauer Versammlungslokale. Am 4.4.1848 wurde hier durch die Schneider C. M. Seydler und C. Ed. Pistorius erstmals ein Arbeiterverein (mit angeschlossener Kranken u. Sterbekasse und einer Sparanstalt für Arbeiter) gegründet (vgl. LINK Geschichte).

Als nach dem deutsch-deutschen Bruderkrieg von 1866 der Norddeutsche Bund gegründet wurde, kam es auch zu Wahlen für die konstituierende Versammlung des Norddeutschen Reichstages. Dazu wurden von den Parteien in den Reichstagswahlkreisen Kandidaten aufgestellt.

Die Sächsischen Arbeitervereine hatten am 28.12.1866 in einer Landesversammlung in Dresden ihre Kandidaten für die Wahlen zum konstituierenden Norddeutschen Reichstag nominiert. Der zunächst für den 18. sächs. Reichstagswahlkreis vorgesehene Leipziger Prof. Roßmäßler lehnte ab und empfahl den Dresdener Advokaten Reinhold Schraps, welcher auch aufgestellt wurde. Reinhold Schraps sprach am 14.1.1867 in einer großen Volksversammlung im Schützenhaus. Hauptmitbewerber war der Kandidat der Freisinnigen Partei, der Zwickauer Bürgermeister Dr. Streit. Die Meinungsverschiedenheiten durchdrangen die gesamte Bevölkerung. Sogar die Schulkinder teilten sich in zwei Parteien: SCHRAPSER und STREITER.

Zu einer Wahlversammlung der Freisinnig=Deutschen Partei am 01.2.1867 waren so viele Demokraten anwesend, daß H. Eduard Müller vom Demokratischen Wahlkomitee zum Versammlungsvorsteher gewählt wurde. Er erteilte nun nicht Bürgermeister Streit das Wort, sondern seinem Parteifreunde Schraps. Daraufhin verließen die Freisinnigen den Saal, und ihre Gegner waren die Sieger des Abends.

Nach Schraps sprachen noch Wilhelm Liebknecht, August Bebel und Hermann Dotzauer (Zwickau).

Bei den Wahlen am 12.2.1867 wird neben August Bebel auch R. Schraps in den Reichstag gewählt. Am 15.4.1867 tritt August Bebel im Reichstag gegenden preußischen Militarismus auf und stimmt zusammen mit Rechtsanwalt Schraps gegen die undemokratische Bundesverfassung. Schraps und Bebel zogen als einzige Arbeitervertreter in die konstituierende Versammlung des Norddeutschen Bundes ein. Die heutige SPD betrachtet die Reichstagswahlkreise Glauchau-Meerane und Zwickau-Crimmitschau (hier wurde nach dem Rückzug des Rechtsanwaltes Schraps aus der Partei ab 1874 Julius Motteler zweimal in den Reichstag gewählt) als erste sozialdemokratische Wahlkreise in Deutschland.

Während in ganz Deutschland historische Stätten für die Nachwelt erhalten werden, was nicht immer einfach ist, wird in Crimmitschau "abgeräumt". Gleich einmal unter dem Motto "Hochwasser". Obwohl das Schützenhaus seit 1808 jedes Hochwasser überlebt hatte. Hier besteht eine andere Gefahr: Geschichtslose "Mehrheiten". Wie man aus dem seit etwa 6 Jahren "zu 85 % ausgelasteten" Gewerbegebiet erkennt, kann ohne Blick in die Vergangenheit auch keine Zukunft vernünftig gestaltet werden.

Selbstverständlich wäre der Erhalt des Schützenhauses kein Spaziergang. Mit geschlossenen Dachfenstern wäre aber schon viel geholfen (gewesen). Bis eine aufgewecktere Führung die Stadt wieder nach vorn bringt. Dann stellt sich auch wieder der Bedarf für das Schützenhaus ein. In Eisennach wie Gotha bringen die Gründungslokale der SDAP wie der SAPD (nach 1890 SPD) den Städten Touristen und Kaufkraft, einige Arbeitsplätze. Könnte dies uns nicht auch helfen ? Wo bestehen heute noch Versammlungsstätten, in denen Bebel, Schraps, Dotzauer, Motteler und Wilhelm Liebknecht gleichzeitig auftraten ? Ist das Auftreten der ersten in den deutschen Reichstag gewählten Arbeitervertreter nicht den Erhalt des Schützenhauses wert ?

Ob noch jemand die kopflosen Stadträte zum Innehalten bewegen kann ? Ob jemand die Legitimation des "Vergabebeirates" (wo ist der geregelt ?) für Beträge bis 960.000,00 EURO geprüft hat ? Ob nicht der Abriß eines eigenen Beschlusses bedarf ? Ob wohl der Abriß keines getrennten Beschlusses bedarf ? Ob in solchen Fällen nicht, wie früher gang und gäbe, auch der Heimatverein vorab einmal befragt werden sollte ?

In wieviel Städten wäre man wohl stolz auf einen derart geschichtsträchtigen Ort ? In Crimmitschau hat man Geld für "Blumenbeete", "Parkleitsysteme", privat nutzbare ("hundertfünfzig Mark") DienstDaimlers, ... Wenn aber etwas wirklich wichtiges anliegt, fragen die verantwortlichen Damen und Herren: "Können wir uns das leisten ?" Die Kasse ist leer. Wer hat sie denn wohl, stärker noch, als in anderen Städten, geleert ?

Das 1808 erbaute Schützenhaus zunächst zu sichern (die Dächer erscheinen von außen stabil) und dann einer sinnvollen Nutzung zuzuführen, muß versucht werden.

Es unter der verkehrten Flagge "Hochwasserschutz" abzuräumen, ist ein Frevel.

Die Versammlung vom 01.2.1867 ist etwa in der Dissertation "Geschichte der Crimmitschauer Arbeiterbewegung", Erich Schaarschmidt (Kirschbergweg 4, Crimmitschau) Uni Leipzig, 1933 bzw. Risse=Verlag Dresden A1 Schießgasse 1 [in der Deutschen Bücherei Leipzig unter der Signatur 1934 A 12743 zu bestellen und anzusehen] beschrieben worden. Quellen im Historischen Archiv der Stadt Crimmitschau konnten aus Zeitgründen noch nicht ermittelt werden.

06. Februar 2003

Der Frevel ist vollendet. Das 1808 erbaute Schützenhaus wurde im ersten Halbjahr 2003 in Trümmer gelegt. Nachdem es in seinem Schutt zum Ärgernis geworden war, nach Zeitungsberichten zur wilden Müllablagestelle geworden war, wurden Ende 2003 auch die Trümmer abgefahren ACHTUNG: AUSBAUHELFER/KORREKTOREN STÄNDIG GESUCHT !



Am Donnerstag dem 14.3.2002 hat der Stadtrat der GROßEN KREISSTADT Crimmmitschau den Abriß der verblieben Gebäude an der Zeitzer Straße in MARK SAHNAU genehmigt.

HISTORISCHE FOTOS DAUERND GESUCHT !!!

Damit wird ein weiterer geschichtsträchtiger Ort in Crimmitschau dem Erdboden gleich gemacht werden. In einer örtlichen Zeitung war von einem durch den Technischen Ausschuß zu fassenden Beschluß geschrieben worden. Dieser beschließt wohl auch so etwas im Regelfall. Warum hier der Rat beschließen soll, ob dies etwa mit der geschichtlichen Bedeutung des Ortes zusammenhängen könnte, ist bislang unbekannt.

Der Vorsitzende des Heimatvereines Crimmitschau e.V., Herr Heinrich Otto, wies in einem Beitrag zu "Mark Sahnau" in der hiesigen Lokalausgabe der Chemnitzer "Freien Presse" vom 31.8./01.9.2002 unter Anknüpfung an diese Webseite allerdings darauf hin, daß es sich bei den nunmehr zum Abriß kommenden Gebäuden des "Waldschlösschens" um nach 1890 im Auftrage Arno Mummerts errichtete Anlagen handeln dürfte.

Danach wurde der Grund und Boden des Waldschlösschens mit dem angrenzenden Gute 1840 an den Oberst von Wolffersdorf verkauft, welcher dort den ersten Gasthof und ein Gut errichtete. Damit dürften letztere Zeugen der unten benannten Feste des Volksvereines gewesen sein; vorgenannte Bedenken, jedenfalls hinsichtlich des Verhälnisses des derzeitigen Abrisses zur Bebauung zeitens der Veranstaltungen des Volksvereines, ins unbegründet sein. Nützlich wäre die weitere Suche nach Zeichnungen o.ä. der von Wolffersdorf'schen Anlagen. Dem Verfasser ist aus Bauakten des Bauerngutes seines Großvaters in Langenbernsdorf bekannt, daß auch von Gebäuden lange vor 1890 Risse existieren, nämlich bei beabsichtigten Umbauten, dort des Schornsteineinbaus in ein viel älteres Lehmhaus, verlangt wurden.

Bezüglich des Abrisses geschichtlich bedeutsamer Bauwerke ist in den letzten Jahren ganze Arbeit geleiset worden. Consumverein (Streikleitungssitz) Herrengasse. Motteler-Arbeitsstätte Werdauer Straße 6.

In Mark Sahnau fanden in historischer Zeit einige der bedeutendsten Veranstalungen des am 16.6.1867 gegründeten VOLKSVEREINes statt:

16.6.1872 Festzug von 4000 Personen nach Mark Sahnau. Ansprachen von Ernst Stehfest und Gustav Kwasniewski. Es herrschte ein großer Gemeinschaftsgeist. Spenden von 200 Talern für Wilhelm Liebknecht und August Bebel, die am 08.7.1872 zur Festungshaft in Hubertusburg antreten mußten. Eine Woche später erschienen August Bebel mit Frau und Kindern, sich von Crimmitschau zu verabschieden. In seiner Begleitung der Reichstagsabgeordnete des 18. Sächsischen Reichstagswahlkreises Zwickau/Crimmitschau Reinhold Schraps, Gustav Kwasniewski, Julius Motteler, Ernst Stehfest, Ludwig Mehlhorn, u.a.

14.6.1874 Festzug des VOLKSVEREINes mit der neu geweihten ("schwarzen") Fahne vom Consumverein (Herrengasse, in 90-er Jahren bereits abgerissen) nach Mark Sahnau. Der erst kürzlich aus der Festungshaft entlassene Wilhelm Liebknecht hielt eine ernste Festrede. Der Festzug zählte 5000 Personen. Der Festplatz wurde von 10000 Personen bevölkert.

Möglicherweise wurde durch die Feste des VOLKSVEREINes der den Crimmitschauern speziell nachgesagte Hang zum Feiern begründet. Ein Kulturgut.

Zeit, sich zu erinnern ! Zeit, sich zu besinnen ! Zeit, Bilanz zu ziehen !

Herrn KURT DIETRICH in Metz/Moselle zum 80 Geburtstag am 21.3.2004.

Alles Gute aus der ursprünglichen Heimat Sachsen. Es grüßen insbesondere Ursula und Harrald Tröger aus Langenbernsdorf, Editha Dost aus Geithain und Rolf Pinther Eine Mail schicken ! aus Langenreinsdorf.